Willkommen im Realitätsschock oder warum ich mein April-Ich hasse

„Realitätsschock“ heißt mein neues Buch, das am 12. September 2019 bei KiWi erscheint. Darin spüre ich dem verbreiteten Eindruck nach, die Welt sei aus den Fugen geraten oder gar „verrückt“ geworden – von der Klimakrise über den Rechtsruck bis zu den inzwischen fast täglichen Shitstorms. Die Kapitel entsprechen etwa den zehn größten Debattenthemen der Gegenwart. Hier auf dieser Seite möchte ich in den nächsten Monaten die Diskussionen mit aktuellen Beiträgen begleiten – das Blog zum Buch also.

Zu allererst möchte ich mich aber beschweren. Und zwar bei mir selbst, denn ich bin ein Knalldackel.

Wenn man jetzt, gute fünf Wochen vor Erscheinen „Realitätsschock“ als Papier-Version bestellt, bekommt man ein Exemplar aus der ersten Auflage. Das wäre nicht weiter erwähnenswert – wenn nicht jedes einzelne Buch der ersten Auflage handsigniert wäre. Ja, ernsthaft. (Übrigens egal, wo man es vorbestellt, ob in der Buchhandlung um die Ecke, bei Hugendubel, Thalia oder Amazon.)

Ich werde deshalb ab Mitte August ungefähr eine Woche lang Tag und Nacht in einer tageslichtarmen Fabrikhalle der Druckerei „Ebner & Spiegel“ in Ulm eingesperrt sein. Und zwar in diesem Kabuff, wo früher die Vorarbeiter ihre Pause machten:

Dort werden mir dann freundliche Kräfte der Druckerei Buch um Buch anreichen, präziser: Bogen um Bogen des schon gedruckten, aber noch nicht gebundenen Buches. Massensignierungen sind eine logistische Herausforderung. Vorsichtig gesagt. Druck, Bindung, Verumschlagung, Verpackung und Auslieferung von Büchern sind sehr zeitsensibel geplant. Hier sieht man, wie die bereits gedruckten Bögen durch eine Buchrüttelmaschine zur Weiterverarbeitung zurechtgerüttelt werden.

Kurz nach dieser Stelle greifen die freundlichen Kräfte die zuvor maschinell gestapelten Bögen heraus und bringen sie auf Europaletten gestapelt zu mir an einen Tisch im Kabuff (siehe oben). Anders lässt sich der völlig absurde, logistische Aufwand gar nicht bewältigen.

Es ist nämlich leider so, dass ich – wie weiter unten aufgeführt – den derzeitigen Weltrekord im Buchsignieren an drei bis vier aufeinanderfolgenden Tagen brechen werde müssen. Was, wenn ich Pausen zum Zwecke des Nichtversterbens an Erschöpfung einplane, eine Woche superkrasses durchsignieren bedeutet.

Diese menschengemachte Signierkatastrophe muss ich kurz erläutern.

Es gibt diese Situationen, wo man sein früheres Ich hasst. Gemeint ist keine pathologische Form von Selbsthass, sondern einfach ein tiefer, bitterer, giftiger Groll auf eine zuvor getroffene Entscheidung. Mein Vergangenheits-Ich, genauer gesagt mein April-Ich, ist eine miese Sau. Mein wirklich außerordentlich knalldackeliges April-Ich hatte nämlich den Gedanken mit der Massensignierung der gesamten ersten Auflage. Auf den ersten Blick eine fabelhafte Idee, die Leute lieben signierte Bücher. Und wie hoch kann die erste Auflage eines Sachbuchs schon sein?

Erste Auflagen sind nicht mehr wie früher. Früher hat ein alter, knorriger Verleger mit seinem untrüglichen Gespür für Markt und Moneten schon ein Dreivierteljahr vorher in seinen patriarchischen Profi-Eingeweiden fühlen können, wie viele Bücher zu Beginn gedruckt werden mussten und dann zwei Chianti draufgegossen. Es stimmte grundsätzlich immer außer manchmal.

Heute verwendet man Formulierungen wie „atmende Auflage“.

Dabei nutzt man aus, dass die Digitalisierung eine Flexibilität beim Buchdruck mit sich gebracht hat. Atmende Auflage ist ein wunderschöner Begriff, er bedeutet: Wir gehen da Pi mal Daumen ran, mit einer gewissen Spreizbreite und schauen, was so geht. Der wichtigste Indikator für die erste Auflage ist die Zahl der sogenannten Vormerker, also wie viele Bücher der Buchhandel vorbestellt.

Auftritt: Mein April-Ich, dieser alte Knalldackel, mit der Idee der Komplettsignierung. Atmende erste Auflagen von mittelgroßen Sachbüchern liegen heute faktisch meist irgendwo im vierstelligen Bereich. Mein April-Ich überschlägt: Vor sechs Jahren habe ich mal in ungefähr zwei Stunden fast sechshundert Bücher signiert, weil jemand zu einem Vortrag von mir für alle Gäste ein signiertes Buch verschenken wollte. Das war etwas langweilig, aber machbar. Was soll also schon passieren?

Mit einem gewissen Übermut übergibt mein April-Ich den großartigen Handsignier-Plan an mein Mai-Ich, das leider ein elender Angeber ist. Am 6. Mai 2019 hält mein Mai-Ich den traditionellen Republica-Vortrag. Es baut in heimtückischer Weise ein, dass man das Buch bereits vorbestellen kann und dass die komplette erste Auflage handsigniert ist.

Um es kurz und schmerzhaft zu machen: Das Duo Infernale aus leichtsinnigem April-Ich und großspurigem Mai-Ich haben geschafft, mein August-Ich in einzigartiger Weise zu verarschen. Denn durch die Ankündigung der Signieraktion, meinen Vortrag und die allgemeine Stimmung, die Welt sei tatsächlich aus den Fugen geraten – sind absurde 23.000 Vormerker heraufbeschworen worden. Was grob der ersten, jedenfalls der zu signierenden Auflage entspricht.

Zur besseren Einordnung dieser Signierkatastrophe: Das Guinessbuch der Rekorde verzeichnet als Weltrekord der Buchsignierung 6.904 Bücher (in einer Session). Ich muss also fast vier Tage lang hintereinander den Weltrekord jeweils einstellen. Oh Shit. Die Signier-Aktion werde ich live auf dem Streamingportal twitch übertragen, anders als das Buch dürfte der Stream besonders gut geeignet sein für Leute, die monotone Inhalte lieben.

23.000 Hardcover-Ausgaben mit über 350 Seiten entsprechen am Ende ungefähr 40 Europaletten voller Bücher, Bücher, Bücher.

Sauber gestapelt, denn gemeinsam mit meinem Lieblingsverlag KiWi habe ich entschieden, auf Plastikverpackungen der Bücher zu verzichten. Nicht nur auf die Einzelfolien, sondern auch auf die Plastikfolie, die normalerweise zu Transportzwecken um jeweils fünf oder zehn Bücher herumgewickelt wird. Das erfordert eine sehr sorgfältige Stapelung, um Transportschäden zu minimieren. Falls Sie am Ende trotzdem ein sanft angedetschtes Buch in den Händen halten sollten – sehen Sie es mit dem guten Gefühl drüber hinweg, dass dieser den Lesegenuss kaum schmälernde Schaden durch Verzicht auf viele Zentner Plastik entstanden ist.

Auf dem Vortrag im Mai hatte ich scherzhaft gesagt, man könne „Realitätsschock“ auch vorbestellen, wenn man mich als Autor hasst, weil ich auf diese Weise länger in einer tageslichtarmen Industriehalle eingesperrt sein werde. Genauso ist es gekommen. Und es wird dark.

Mir bleibt am Schluss dieses Beitrags nichts als die Aussicht auf den kommenden Schmerz ab dem 12. August sowie der Hinweis auf meinen brandneuen, sehr guten, aber selten verschickten Newsletter, der nicht nur Neuigkeiten zum Buch, sondern auch andere famose, nein – spektakuläre Dinge enthalten wird:

Neues per E-Mail

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Comments (14)

Wie, etwa ohne persönliche Widmung?

Herr Schwarze. Bitte finetunen Sie Ihren Gag, ich verstehe ihn nicht.

Viel Glück! Ich empfehle aus mitleidvoller Erfahrung: besorg dir eine Blackroll (klein, für die Daumen- und Fingersehnen am Unterarm) und terminiere schonmal Physio für die Zeit. Ggf auch Arcoxia und/oder CBD-Öl gegen Schmerz. Wird scheiße.

Goldene Feder. Damit hat Steffi Grafs Vater sogar die Steuererklärung unterschrieben.

Na gut Herr Lobo, überredet. Ich hab mir dann auch mal eins vorbestellt.
Ein kleiner Tip: Noch ist ja etwas Zeit. Vielleicht können sie diese damit verbringen alternative Körperteile zu finden, die Ihre Unterschrift ebenfalls zu Papier bringen können. Immerhin haben Sie niemandem versprochen, dass die Unterschrift mit der dominanten Hand oder überhaupt mit Hand vollzogen wird.

Kannst du bitte beim Twitch-Livestreaming das Mikro so konfigurieren, dass man das Kratzen deines Schreibgerätes hört? Und kannst du nebenbei ein wenig flüstern? So für alle ASMR-Fans, wie mich?

Eine Frage habe ich, welches Schreibwerkzeug ist am besten geeignet? Es muss schnell trocknende Tine sein und den Schreiber möglichst wenig belasten.
„Die Hand schreibt, der ganze Körper leidet.“ Aus dem Gedächtnis „Der Name der Rose“.

tatsächlich ist ein Füller für die Hand und die Gelenke am besten – vielleicht hat er ja Glück und das Papier ist schnellsaugendes.

Das ist ja unmenschlich und gleichzeitig vollkommen unnötig. Zu Ihrer Entlastung habe ich meine Vorbestellung storniert.

Hey Sascha, ist es vielleicht möglich schon heute anzufangen leere Seiten zu signieren, die dann an entsprechender Stelle in die Bücher eingebunden werden? Dann kannst du es dir besser aufteilen.

Ich freue mich sehr auf das Buch und hoffe, es lässt sich auch über Buch7.de vorbestellen. Das ist der Augsburger Online-Händler, der soziale Projekte mit 75% des Gewinns unterstützt (der aufgrund der Buchpreisbindung sowieso nicht allzu hoch ist). Nicht viel – aber immerhin etwas.

[…] vorher bestell’ ich noch ein Buch vom Sascha. Ja, Sascha noch eins. I’m so […]

[…] ist in vollem Gang. Es handelt sich tatsächlich um 24.000 Exemplare, die ich unterschreibe (was, wie und warum kann man hinter diesem Link nachlesen) . Und zwar in der Druckerei „Ebner & Spiegel“ in Ulm. Hier ein Foto von Montag […]

Habs gestern gekauft, mit Signatur. Nach dem Lesen der Einleitung fehlt mir eigentlich darin eine Definition für den Begriff „real“. Ich versuch’s mal: „Real ist, was man beobachtet, alles andere ist imaginär“. (Kopfkino). Eigentlich müsste das Buch den Titel „Imaginationsschock“ tragen. Denn alles, was wir aus zweiter Hand erfahren, ist imaginär und stimuliert unser Kopfkino. Die Zweite-Hand-Beiträge (Internet, Printmedien, etc.) sind für mich natürlich real, aber nicht die Inhalte über die sie berichten, die bleiben für mich imaginär, weil ich sie nicht selber beobachten konnte.
Zudem stört mich der heutige „Allgemeingültigkeits-Wahn“, in der Physik ganz besonders (eine Weltformel für alles). Ich agiere in meinem Umfeld, dort wo ich was bewirken kann. Und da hab ich keinen „Realitätsschock“. Ernsthafte Menschen wissen das und handeln dementsprechend.
Ich lese mal weiter……

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